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Der Fliegenfischer,
Auch in zweiter Instanz: Sieg (grüner Strom. blutiger Strom), September 2002,Lesen

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In der Sieg springen die Lachse

Die Wanderfische kehren zurück, brauchen aber menschliche Hilfe

von Robert Lücke

Er ist nun schon seit Wochen unterwegs, durch den halben Atlantischen Ozean, vorbei an Britanniens Küsten, dann quer durch die Nordsee, fand den Rhein bei Rotterdam und folgte ihm, immer der Nase nach, bis nach Siegburg, nahm dort den Abzweig die Sieg hinauf, den vertrauten Geruch seiner Kindheit spürend.

Jetzt fehlt noch die letzte Hürde, das Stauwehr Buisdorf in St. Augustin, ein kleiner reißender Wasserfall, anderthalb Meter hoch. Er sammelt seine Kräfte und springt, einmal, zweimal, dreimal. Und scheitert. Tausende Kilometer vom Nordatlantik bis hierher, und nun das. Heute kommen aber nur die Stärksten durch, je nach Strömung und Wassermenge bewältigen mal mehr, mal weniger Lachse diese Staustufe.

„Was für ein Prachtkerl“, sagt Fred Schilten, der mit dem Fahrrad hierher gekommen ist. Seine Augen glänzen, Schilten ist Angler, „Sportfischer!“ sagt er. Über 100 Jahre ist es her, daß hier zum letzten Mal die Lachse sprangen. Nun tun sie es an diesem kühlen Herbstmorgen alle paar Minuten, am Ufer der Sieg stehen viele Menschen und staunen über das, was sie nur aus dem Fernsehen kennen. Zehn Kilo schwere, bis zu einem Meter lange Fische kommen zu Dutzenden an den Ort ihrer Kindheit, um ihrerseits für Nachwuchs zu sorgen.

Dabei ist das mit der Kindheit gar nicht ganz richtig. Aus dem Ei schlüpften sie in menschlicher Obhut. Denn der Mensch stellt den Lachsen bis heute viele Hindernisse in den Weg, nur die wenigsten Tiere erreichen überhaupt zum Laichen den von der Rheinmündung weit entfernten Oberlauf kleiner Flüsse.

Dort werden die Minilachse als „Brütlinge“ ausgesetzt, sie sind dann etwas länger als ein Streichholz. Andere setzt man, meist weiter unten, als sogenannte Smolts aus, abwanderungsbereite Junglachse. Sie schwimmen ins Meer, fressen sich dort groß und fett, nach ein paar Jahren kehren sie zurück, vermutet wird, dass sie ihre Heimat am Geruch erkennen.

Im Jahr 1998 brachte die NRW-Landesregierung das Wanderfischprogramm auf den Weg. Biologen ermittelten geeignete Flüsse - Lachse brauchen zum Laichen Kiesböden - kartierten mögliche Laichplätze und machten Vorschläge zur Renaturierung. Im Lauf der Jahre setzten Biologen und Fischer eine Million Junglachse in Sieg, Eifelrur, Wupper, Ruhr und Weser aus. Auch in anderen Bundesländern soll Salmo salar wieder schwimmen.

Lachse sind Wanderfische, so wie die ähnlich großen Meerforellen. Weil die Flüsse in Europa immer mehr verschmutzten, gingen die Wanderfischbestände stark zurück. Überfischung und der technische Gewässerausbau taten das Übrige. In der Wupper gab es die letzten nennenswerten Lachsbestände vor 160 Jahren. Nach den Umweltkatastrophen Mitte der 80er Jahre in Basel kümmerten sich die Anrainerstaaten des Rheines verstärkt um den Schutz des Stroms. Das Wasser wurde sauberer, auch in den Zuflüssen, Fischtreppen wurden gebaut, begradigte Flüsse renaturiert.

Nicht immer geht das ohne Konflikte ab, denn viele Gewässer werden heute zur Stromerzeugung genutzt. Noch in diesem Jahr räumte NRW-Umweltministerin Bärbel Höhn (Grüne) ein: „Wir haben in der Tat einen Interessenkonflikt zwischen der Wasserkraft und den Fischen. Wir werden uns entscheiden müssen, zwischen Flüssen, die für Fische durchgängig gemacht werden, und Flüssen, die von der Wasserkraftwirtschaft genutzt werden.“ Gerade die umweltfreundliche Energieerzeugung ist vielen Lachsfreunden ein steter Dorn im Auge.

Rainer Hagemeyer, Vorstand des Essener Vereins „Der Atlantische Lachs“, sagt: „Das ist kein grüner Strom. Er ist rot, rot vom Blut von Millionen von Fischen, die den Anlagen zerhäckselt werden.“ Der Zahnarzt aus Hagen fordert deshalb entweder deren sofortige Stillegung oder eine fischfreundliche Umrüstung. Auf letztere setzt auch Frank Molls, Wanderfisch-Experte beim Fischereiverband NRW.

Daß auch in bisher recht lachsfeindlichen Flüssen mit viel Wasserkraft Fische ausgesetzt würden, erklärt er so: „Mit der Wasserkraft müssen wir nun einmal leben. Nun wollen wir sehen: Wie viel Wasserkraft verträgt der Lachs? Sind es ein, zwei, drei oder mehr Anlagen? Und was müssen wir machen, damit er darin nicht umkommt?“ Mit ersten Ergebnissen sei bald zu rechnen, sagt Molls.

Der Lachsverein redet aber nicht nur, er handelt, setzt sich zum Beispiel für die Verbesserung des Gewässerschutzes ein oder sammelt Spenden für die Fischzuchtanlage „Hasper Talsperre“. In den knapp 30 Zuchtbecken unterhalb der Staumauer können im Moment bis zu 2,5 Millionen Eier erbrütet werden, später sollen es sechs Mal so viele sein, dazu eine Million Smolts pro Jahr. Schon heute ist das Deutschlands größtes Lachszentrum. Die meisten Eier werden heute noch in Irland und Schweden gekauft, nur ein kleiner Teil stammt bereits von in NRW gefangenen Weibchen.

Von der Hasper Talsperre aus werden Teile von Ruhr, Deilbach, Ennepe-Vollme und Wupper wiederbesiedelt. Schon heute werden an mehreren Kontrollanlagen zurückkehrende Fische abgefangen und untersucht. An der Dhünner Auermühle werden manchen Weibchen Eier entnommen, befruchtet und in Becken ausgebrütet. Seit Beginn der Aktion gingen den Forschern und Fischern 1 100 rückkehrende Lachse ins Netz.

Viele Wanderfische können nämlich ihre potentiellen Laichplätze am Oberlauf der Bäche wegen der Stauanlagen noch gar nicht erreichen. Auch an der Wupper ist unterhalb von Schloß Burg Schluss, das Stauwehr Auerkotten ist zu hoch. Mitarbeiter der Landesanstalt für Ökologie fangen die Fische und kontrollieren dann anhand der Markierungen, woher die Tiere stammen. Heute aber sind nur einige Meerforellen ins Netz gegangen, eine ist armlang. Ihr werden die Eier abgestreift und befruchtet. Die Jungforellen werden im nächsten Frühjahr an geeigneter Stelle wieder ausgesetzt. Kürzlich ging Fischern vor Irland ein markierter Lachs aus Nordhein-Westfalen ins Netz. Der aus Lachseiern irischer Herkunft erbrütete Lachs war vor drei Jahren als Jungfisch in die Bröl, einen kleinen Zufluß der Sieg, ausgewildert worden.

Nach der Paarung werden viele Lachse sterben, die Jungfische werden schlüpfen, der Kreis ist geschlossen. Für Fred Schilten ist er aber noch lange nicht beendet. Wie er hofft auch der Lachsverein, daß einst wieder geangelt werden darf. „Lachs satt“ hieß es schon einmal im Rheinland. Im 19. Jahrhundert war Lachs so häufig und billig, daß es ein Gesetz gab, das besagte, daß reiche Bürger ihren Hausangestellten nicht öfter als drei Mal pro Woche Lachs zu essen geben durften.

Welt am Sonntag, 7. November 2004

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