Sie sind hier: Pressearchiv > Presse 2004 > Welt am Sonntag, Juni 2004
Umweltministerin Bärbel Höhn will Flüsse im Land renaturieren. RWE lehnt sich dagegen auf - Denn der Konzern befürchtet Verluste bei der Stromerzeugung
Das Naafbachtal im Bergischen Land ist eines der schönsten Fleckchen in Nordrhein-Westfalen. Nordöstlich von Lohmar und südlich von Overath schlängelt sich der Naafbach, bis er in die Agger mündet. An seinen Ufern wachsen Erlen, Eschen, Eichen und Buchen, befinden sich Wiesen und Sümpfe. Der Eisvogel ist dort genauso zu Hause wie der Rotmilan und der Grauspecht. Natur pur. Das sieht auch die Bezirksregierung Köln, genauso wie das nordrhein-westfälische Umweltministerium von Bärbel Höhn (Grüne) und sogar die Europäische Union.
Die drei Parteien überlegen, den Naafbach und seine Umgebung nicht nur wie bisher zu erhalten, sie wollen das Gebiet im Rahmen der europäischen Wasserrahmenrichtlinie und des im Jahr 1998 aufgelegten Wanderfischprogramms Nordrhein-Westfalen in einen Zustand zurückversetzen, der so natürlich wie möglich sein soll. Dabei soll auch der Naafbach für Fische wieder ungehindert passierbar sein.
Das aber ist er nicht, wegen zahlreicher Wasserkraftwerke und Wehre. Um auf dem Weg zurück zu den Ursprüngen die richtige Richtung einzuschlagen, ließ die Bezirksregierung Köln eine "Studie zur Herstellung der Durchgängigkeit der Agger und ihrer Zuflüsse" erstellen. Die Untersuchung umfasst rund 500 Seiten und soll Ende Juni fertig gestellt werden. Ein Vorentwurf liegt der WELT am SONNTAG vor. Doch darin tun sich Widersprüche zum ursprünglichen Gedanken der Renaturierung auf.
Zum Beispiel auf Seite 107: Dort ist von einem natürlichen Felsabsturz die Rede, der nur knapp sechs Kilometer von der Mündung in die Agger entfernt liegt und "für den größten Teil der Fische den Aufstieg in den oberen Naafbach verhindert". Obwohl der Absturz natürlich sei, "sollte er daher durch eine Steinschüttung durchgängig gestaltet werden." Ein künstlicher Eingriff in ein natürliches System also, um Renaturierung zu erreichen?
Höhn und die Bezirksregierung kommen sich bei ihren Vorhaben auch mit der Wirtschaft ins Gehege. Genauer gesagt, mit zahlreichen privaten Wasserkraftwerksbetreibern, vor allem aber mit dem Essener Energiekonzern RWE. Der besitzt über seine Töchter Harpen und Power im ganzen Land verteilt Wasserkraftwerke an den Flüssen. Vor gut einem Jahr erst kam es zum Eklat an der Oberen Ruhr. Damals hatte die Obere Wasserbehörde bei der Bezirksregierung Arnsberg 22 Stauanlagen ins Visier genommen. Durch einen schriftlichen Bescheid wurden die Betreiber aufgefordert, für mehrere 100 000 Euro sogenannte Fischtreppen zu errichten und die Stababstände der Rechen vor den Anlagen zu verringern. Das hätte zahlreiche Kraftwerksbesitzer in den sicheren Ruin getrieben. Der Bescheid wurde vom Umweltministerium ausgesetzt.
Unsicher sind die Wasserwerksbetreiber dennoch an der Agger und ihren Nebenflüssen. RWE befürchtet bei einer Umsetzung der in der Studie vorgeschlagenen Maßnahmen erhebliche finanzielle Einbußen."
So ist in der Untersuchung von einer Teilabsenkung des Wasserstandes an den Talsperren die Rede, wodurch die Betreiber mit einer minderen Energieerzeugung von bis zu 17 Prozent rechnen müssten.
Wenn es dazu käme, könnte ein Betrieb mit den vorhandenen Anlagen nicht mehr durchgeführt werden, sagt Rainer Bosse, Wasserbau-Ingenieur bei der Dortmunder RWE-Tochter Harpen. RWE schätzt, dass allein durch den Rückbau der Anlagen an der Agger rund 14,5 Millionen Kilowattstunden Ökostrom anderweitig erzeugt werden müssten. Das könnte, rechnet RWE vor, je nach Stromerzeugungsquelle einen Ausstoß von 11 600 Tonnen Kohlendioxid bedeuten.
Wir haben in der Tat einen Interessenkonflikt zwischen der Wasserkraft und den Fischen", sagt Bärbel Höhn im Gespräch mit der WELT am SONNTAG. "Letztendlich werden wir uns entscheiden müssen, zwischen Flüssen, die für Fische durchgängig gemacht werden und Flüssen, die von der Wasserkraftwirtschaft genutzt werden" Einer der Flüsse, die von Fischen in Zukunft ungehindert passiert werden können, wird laut Höhn die Sieg sein, in der sich heute wieder hunderte von Lachsen tummeln. Für die Wasserkraft könnten zum Beispiel Teile des Ruhrsystems infrage kommen. Dort würden die Auflagen für die Stauanlagen-Betreiber geringer werden, während sie an Flüssen wie der Sieg den Lachsen entsprechen würden.
Der Atlantische Lachs e.V. Stauseebogen 23 45259 Essen Tel. 07 00 / 33 75 22 47